Disclaimer: Ich schreibe hier aus Bequemlichkeits- und Lesbarkeitsgründen immer in der männlichen Form (der Patient, der Arzt, der Pfleger). Dies soll auf keinen Fall irgendeine Diskriminierung sein.
Normalerweise läuft eine typische (Intubations-)Narkose so ab:
Vorbereitung:
Als erste Arbeit am Morgen wird die Narkosemaschine geprüft. Dabei wird die Dichtheit der Schläuche getestet und der richtige Anschluss der verschiedenen Gase (Sauerstoff, Lachgas, Druckluft) und der Narkosegasabsauganlage wird überprüft. Ganz wichtig ist auch die Überprüfung des Saugers, da dieser immer funktionsbereit sein muss.

Narkose-Arbeitsplatz, Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Ana_arbeitsplatz.JPG
Schon vor der Patient bei uns eintrifft werden die Medikamente und die Utensilien vorbereitet. Notfallmedikamente wie Atropin, Ephedrin und Lysthenon sind immer griffbereit in einer Spritze aufgezogen. Je nach geplanter Narkosemethode werden auch die anderen Medikamente (Schmerzmittel, Schlafmittel, Muskelrelaxantien) vorbereitet. Weiters muss immer ein Tubus der richtigen Größe samt Intubationsbesteck bereitliegen, auch wenn keine Intubationsnarkose vorgesehen ist. Es kann ja immer zu einem Zwischenfall kommen bei dem eine Intubation notwendig ist. Und dann bleibt keine Zeit sich die Materialien zusammenzusuchen. Wenn keine Intubation geplant ist wird meist mit einer Larynxmaske beatmet. Auch hier muss die richtige Größe bereitliegen.

Larynxmaske (Ausführung ProSeal, geblockt), Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:ProSeal_Laryngeal_Mask_Airway_inflated_001.jpg
Auch das Laryngoskop mit den passenden Spateln muss immer einsatz- und griffbereit liegen. Weiters braucht man einen Führungsdraht oder Mandrin für den Tubus, für den Fall, dass das Intubieren schwierig ist. Auch eine Spritze um den Cuff des Tubus zu blocken muss vorhanden sein.

Laryngoskop (hier mit Warmlich, wir verwenden Kaltlicht), Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Laryngoskop.jpg
Der Patient wird vom Stationspersonal in den OP-Bereich geschoben und an die Anästhesie übergeben. Wir kontrollieren, ob alle benötigten Papiere vorhanden und ausgefüllt sind. Ganz wichtig ist dabei der Anästhesie-Aufklärungsbogen. Ein Anästhesist geht mit dem Patienten meist am Vortag den Bogen durch und füllt ihn gemeinsam mit ihm aus. Wichtig sind die Medikamente, die der Patient nimmt, andere Erkrankungen, ob frühere Narkosen problemlos waren und ob irgendwelche Allergien bekannt sind.
Meist hat der Patient als Prämedikation auf der Station schon Dormicum bekommen. Dies wirkt angstlösend und etwas sedierend. Der Patient ist also im Idealfall entspannt.
Anschließend bekommt der Patient eine Leitung gelegt falls er noch keine hat, die Blutdruckmanschette wird angelegt und die Elektroden für die EKG-Ableitung werden geklebt. Dann wird gleich die erste Infusion mit Ringerlösung angehängt. Zum Einen um die korrekte Funktion der Leitung zu überprüfen, zum Anderen um dem Patienten Flüssigkeit zukommen zu lassen. In der Regel sind die Patienten seit mindestens 6 Stunden nüchtern und haben in dieser Zeit auch nichts getrunken.
Sobald der OP und das Personal bereit sind, wird der Patient auf den OP-Tisch umgelagert. Der OP-Tisch ist eigentlich eine Liege, wird aber allgemein als “Tisch” bezeichnet. Von diesen Tischen gibt es alle möglichen Ausführungen, die für jeweils andere Einsatzzwecke gedacht sind. Es gibt beispielsweise spezielle Gyn-Tische, Orthopädietische usw. Der Vorteil bei diesen Tischen ist, dass sie unglaublich flexibel verstellbar sind, damit für jede Operation die richtige Lagerung möglich machen. OP-Tische und die verschiedenen Lagerungen damit kann man sich unter anderem auf der Webseite der Firma Maquet ansehen.
Das Umbetten des Patienten auf den Tisch wird allgemein als “auflegen” bezeichnet.
Der Patient wird mit einem Tuch zugedeckt und bekommt noch eine OP-Haube aufgesetzt. Dann wird er in den OP “eingefahren”. Dort wird er von uns “verkabelt”, also an den Monitor angeschlossen. Immer angeschlossen werden Pulsoxymetrie zur Messung der Sauerstoffsättigung (SpO2) im Blut und des Pulses, Blutdruck und EKG. Die Kapnometrie (Messung des CO2-Gehaltes in der Ausatemluft) wird später über die Beatmungsmaschine durchgeführt. Zusätzlich können noch andere Sensoren an den Monitor angeschlossen werden. Dies ist jedoch nur in Ausnahmefällen nötig. Wir haben beispielsweise Module für die Temperaturmessung, für die Messung der Muskelrelaxierung, die Schlaftiefe und für die invasive Blutdruckmessung (mit oder ohne ZVD).
Sobald wir die nötigen Ausgangswerte haben kann mit der Narkoseeinleitung begonnen werden.
Narkoseeinleitung:
Meist wird mit einem starken Schmerzmittel (Analgetikum) aus der Gruppe der Opioide begonnen. Wir verwenden dafür meist Fentanyl, dessen Wirkung wegen seiner relativ kurzen Halbwertszeit gut steuerbar ist. Manchmal wird zusätzlich noch Dipidolor verwendet, dessen Wirkung länger anhält. Dipidolor wird auch für die postoperative Schmerztherapie verwendet.
Als zweite Phase der Narkoseeinleitung wird ein Hypnotikum injiziert. Hier wird meist Propofol, Thiopental oder Hypnomidate verwendet. Nach wenigen Sekunden schläft der Patient ein und die Schutzreflexe werden ausgeschaltet. Nun wird der Patient einige Minuten lang präoxygeniert. Er bekommt über eine Maske reinen Sauerstoff zu atmen, damit er ein “Sauerstoff-Depot” anlegen kann.
Danach kann entweder die Larynxmaske eingeführt werden oder bei einer Intubationsnarkose das Muskelrelaxans gespritzt werden. Hier ist Esmeron das Mittel der Wahl, da es recht schnell wirkt (ca. 2 Minuten) und zwischen 60 bis 90 Minuten wirkt. Falls die Operation kürzer dauern sollte kann der Abbau dieses Medikamentes mit einer Mischung aus Prostigmin und Atropin beschleunigt werden. Ein wirkliches Antidot zu Esmeron gibt es allerdings (noch) nicht.
Das Muskelrelaxans wird benötigt, damit eine Intubation leichter möglich ist. Die Stimmbänder erschlaffen und die Stimmritze öffnet sich. Bei Operationen im Bauchraum wird es verwendet, um die Muskelspannung des Patienten herabzusetzen.
Nun wird die Wirkzeit des Muskelrelaxans abgewartet und die zur Intubation nötigen Materialien werden in Griffweite gebracht. Während der Wartezeit wird der Patient wieder über eine Maske mit reinem Sauerstoff versorgt. Dadurch kann sich der Anästhesist bei der Intubation Zeit lassen. Der Patient könnte theoretisch problemlos etwa 5 Minuten ohne Beatmung auskommen. Meist dauert der Vorgang der Intubation allerdings deutlich kürzer.
Der Anästhesist nimmt nun das Laryngoskop und schaut mit diesem in den Hals des Patienten. Mithilfe des Spatels wird die Zunge gegen den unteren Gaumen gedrückt damit freie Sicht besteht. Wenn der Arzt die Stimmritze erkennen kann bekommt er vom Anästhesiepfleger den Tubus in die Hand gedrückt. Bei schwierigen Intubationsbedingungen wird zusätzlich ein Führungsdraht in den Tubus geschoben. Der Arzt schiebt den Tubus zwischen durch die Stimmritze in die Luftröhre. Anschließend wird der Tubus geblockt, auf die richtige Lage überprüft und mittels eines Pflasters fixiert. Nun wird der Tubus mit dem Schlauch des Beatmungsgerätes konnektiert. Dieses Gerät übernimmt ab jetzt die Beatmung des Patienten.

Blick auf die Stimmbänder beim intubierten Patienten
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Larynxmikro2.jpg
Nun werden noch die Augen des Patienten zugeklebt. Da der Lidschluss medikamentös ausgeschaltet ist besteht sonst die Gefahr der Austrocknung.
Narkoseerhaltung:
Der Vorgang bis hier wird Narkoseeinleitung genannt. Nun beginnt die Narkoseerhaltung. Dies geschieht meist durch Inhalationsnarkotika wie Sevofluran oder Isofluran. Diese Narkotika werden direkt von der Beatmungsmaschine in den Luftstrom eingebracht. Oft wird auch Lachgas (N2O) als zusätzliches Schmerzmittel beigemischt.
Wenn auf Narkosegase verzichtet wird kann alternativ dazu auch eine TIVA (Total intravenöse Anästhesie) durchgeführt werden. Dabei wird durch eine Spritzenpumpe (Perfusor) kontinuierlich ein Medikament (z.B. Propofol/Remifentanil) verabreicht. Diese Methode wird vor allem verwendet, wenn eine Kontraindikation gegen Narkosegase gegeben ist oder der Patient eine bekannte PONV (postoperative nausea and vomiting) hat.
Nun kann mit der Lagerung des Patienten, der Desinfektion des Operationsgebietes und der eigentlichen Operation begonnen werden. Während der Lagerung muss der Anästhesist darauf achten, dass der Tubus in seiner Position bleibt und die Beatmung gewährleistet ist. Bei längeren Operationen wird der Patient noch durch eine Folie, in die ein warmer Luftstrom geblasen wird gewärmt. Dieses Gerät wird Warmtouch oder “Bear Hugger” genannt.
Das Anästhesieteam ist auch verantwortlich, dass bei der Lagerung des Patienten keine Schäden passieren (abgeklemmte Nerven, luxierte Gelenke usw.).
Während der Operation ist der Anästhesist bzw. der Anästhesiepfleger für die Überwachung der Vitalparameter und die Dokumentation dieser verantwortlich. Bei Bedarf können verschiedene Medikamente verabreicht werden. Nun bleibt auch Zeit um die Medikamente und Materialien für die nächste Narkose vorzubereiten. Auch ein schneller Kaffee geht sich meist aus
Dabei ist allerdings zu beachten, dass immer entweder ein Anästhesist oder Anästhesiepfleger beim Patienten bleiben muss.
Weiters muss sich das Anästhesieteam um technische Geräte wie dem CellSaver (Produkthomepage) oder des Orthopat kümmern. Auch das Management von eventuellen Bluttransfusionen und Überwachung von Blut/Laborwerten ist unsere Aufgabe.
Wir bekommen von den Chirurgen meist mitgeteilt, wie lange die Operation noch dauern wird. Dadurch können wir die Narkoseausleitung besser vorbereiten.
Narkoseausleitung:
Bei der Ausleitung der Narkose wird die Zufuhr aller Narkotika eingestellt. Bei guter Planung der Ausleitung wird der Patient kurz nach Ende der Operation wieder wach. Die Beatmungsmaschine wird vom Druck- bzw. Volumenmodus auf spontane/manuelle Beatmung umgestellt. Nun wird der Patient vom Arzt durch einen Beutel beatmet. Der Arzt kann dadurch auch feststellen, ab wann der Patient wieder selbst atmet und eine Extubation möglich ist. Bei manchen Operationen atmet der Patient auch schon während der Operation selbst. Auf die verschiedenen Beatmungsformen werde ich hier nicht näher eingehen. Vielleicht schreibe ich bei Gelegenheit noch einen eigenen Artikel dazu.
Sobald der Patient ausreichend selbst atmen kann wird er geweckt und extubiert. Dabei wird das Befestigungspflaster des Tubus gelöst, der Tubus entblockt und unter gleichzeitigem Absaugen entfernt. Da der Patient während der Narkose nicht schlucken kann muss der Speichel, der produziert wurde abgesaugt werden. Zum Aufwecken des Patienten wird manchmal ein Schmerzreiz verwendet (Zwicken ins Ohrläppchen, Reiben des Brustbeines,…)
Nach der Extubation versichert sich der Arzt noch einmal ob die Atemtätigkeit des Patienten ausreicht. Wenn dies der Fall ist wird er vom Monitor getrennt und wieder in den Aufwachbereich geschoben. Dort wird er vom Tisch in sein Bett umgelagert und an das Team der Aufwachstation übergeben. Dort wird er wieder an einen Monitor angeschlossen und je nach Operation für eine gewisse Zeit überwacht, bis er wieder an seine Station übergeben werden kann.
Nun wird der OP gereinigt, wir verräumen unsere Utensilien und bereiten alles für den nächsten Patienten vor. Anschließend beginnt alles wieder von vorne.
Das war jetzt ein ausführlicher Artikel, aber ich hoffe damit einen Überblick darüber gegeben zu haben, was bei einer Narkose geschieht. Viele Leute können sich darunter nicht wirklich etwas vorstellen. Auch für das Verständnis anderer Artikel bzw. Blogeinträge ist dieser Artikel hilfreich.
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